Wo sich das Flexibilitätswerk zwischen VPP und EMS einordnet – und warum es heute unverzichtbar ist

Im letzten Beitrag haben wir beleuchtet, was ein Virtuelles Kraftwerk (VPP) eigentlich ist und welche Rolle ein Energiemanagementsystem (EMS) in lokalen Anwendungen spielt. Heute geht es um die entscheidende Frage: Wo befindet sich das Flexibilitätswerk in diesem Gesamtkonstrukt?

Kurz gesagt: Es verbindet die Marktsicht eines VPP mit der lokalen Intelligenz eines EMS – und erschließt damit ein völlig neues Einsatzfeld für kleine wie große Anlagen.

Flexibilitätswerk statt klassisches VPP: Warum ein neues Modell notwendig ist – und wie lokale EMS-Funktionalitäten helfen

Virtuelle Kraftwerke (VPPs) bündeln erneuerbare Energien, erstellen Prognosen und vermarkten Strom am Markt. Dieses Modell hat viele Jahre gut funktioniert – allerdings nur für relativ große, voll- einspeisende Anlagen.

Heute verändert sich die Landschaft:

Immer mehr kleine Liegenschaften, Gewerbebetriebe und Prosumer besitzen Batteriespeicher, PV-Anlagen oder steuerbare Verbraucher. Diese Behind-the-Meter-Anlagen müssen sowohl lokal optimiert als auch marktgerecht eingebunden werden.

Genau hier stößt das klassische VPP an Grenzen.

Und genau hier setzt das Flexibilitätswerk an – ein Virtuelles Kraftwerk, das EMS-Funktionalitäten integriert hat.

 

Warum reicht ein klassisches VPP nicht mehr?

Ein VPP betrachtet Anlagen vor allem aus Marktsicht und fungiert als Bindeglied zwischen Prognosen und Fahrplänen.

Doch kleine Liegenschaften haben zusätzliche Anforderungen:

  •        Sie müssen lokal Spitzenlasten kappen, um Netzentgelte zu reduzieren.
  •        Sie wollen Eigenverbrauch optimieren, statt alles einzuspeisen.
  •        Ihre Speicher und Verbraucher folgen lokalen Regeln – nicht nur Marktsignalen.
  •        Datenqualität ist entscheidend, weil einzelne Sensorfehler große Wirkungen haben können.

Ein klassisches VPP allein kann diese Komplexität nicht abbilden.

 

Das Flexibilitätswerk: Ein VPP mit integrierten EMS-Funktionalitäten

Das Flexibilitätswerk ergänzt die klassische Vermarktungslogik um lokale Optimierungsfunktionen. Dadurch können flexible Verbrauchsanlagen und Speicher gleichzeitig lokal wirtschaftlich betrieben und marktdienlich gesteuert werden.

 

Die wichtigsten Funktionen – einfach erklärt

1. Eigenverbrauchsprognosen für Überschusseinspeiser

Viele Betreiber speisen nur Überschüsse ein – nicht die Gesamtproduktion.

Das Flexibilitätswerk liefert dafür eine Eigenverbrauchsprognose, die Bilanzkreisabweichungen minimiert und die Vermarktung stabilisiert.

➡️ Ergebnis: Niedrigere Ausgleichsenergiekosten und höherer Vermarktungserfolg.

 

2. Lokale Optimierung von Batteriespeichern

Das Flexibilitätswerk plant den Betrieb des Speichers anhand von Vorgaben des Händlers – z. B. Preissignalen, Grenzkosten oder Einsatzrestriktionen.

➡️ Ergebnis: Multi-Use möglich – Marktvermarktung und lokale Ziele (z. B. Eigenverbrauch, Peak-Shaving) ohne zusätzliche lokale IT-Last

 

3. Intelligente Prognosen

Das Flexibilitätswerk bezieht Prognosen von etablierten Prognosedienstleistern, z.B. ENFOR oder energyweather – und prüft automatisch die Datenqualität.

Fehlerhafte oder unvollständige Daten werden nicht an die Modelle weitergegeben. Somit wird ein konsistentes Modelltraining sichergestellt.

➡️ Ergebnis: Höhere Prognosequalität, weniger Bilanzkreisabweichungen, stabilere Erlöse.

 

4. Live-Poolsteuerung

Anlagen oder ganze Pools können live geregelt werden – basierend auf:

  •        Grenzkosten
  •        aktuellen Marktpreisen
  •        gewünschter Abregelmenge

Damit lassen sich dynamische Restriktionen, PPA-Strukturen oder EEG-Regelungen problemlos abbilden.

➡️ Ergebnis: Maximale Flexibilität bei der vertraglichen Gestaltung und der technisch-wirtschaftlichen Umsetzung.

 

5. Dynamisches Pooling oder Subpooling

Statt jede Anlage einzeln zu steuern, gruppiert das Flexibilitätswerk Assets dynamisch:

  •        nach Regelzone
  •        nach Kundenportfolios
  •        nach Erzeugungsart
  •        nach Vermarktungsmodell
  •        nach Servicelevel, uvm.

Die Pools sind vollständig steuerbar, prognostizierbar und bei Bedarf direkt für Bilanzkreisverantwortliche anmeldbar

➡️ Ergebnis: Hohe Usability, weniger Integrationsaufwand, klare Strukturierung großer Portfolios.

 

Exkurs: B3S-Standard – Was bedeutet das für uns?

Der B3S-Standard richtet sich an Betreiber kritischer Infrastrukturen – nicht an Technologieanbieter.

Wir sind kein Anlagenbetreiber, aber stellen Funktionen bereit, die Aggregatoren benötigen, um B3S-Anforderungen umzusetzen (z. B. sichere Schnittstellen, transparente Steuerungen).

Relevant ist:

  •        Verständnis der Anforderungen von Aggregatoren (Datenverfügbarkeit, Security)
  •        Fähigkeit zur sicheren Poolsteuerung
  •        konforme Schnittstellen
  •        saubere Auditierbarkeit von Steuerungen und Prognosen

Kurz: Relevant, aber nicht verpflichtend für Energiekoppler: Wir erfüllen die Aspekte, die Aggregatoren benötigen, ohne selbst Betreiber im Sinne des BSI zu sein.

 

Ein VPP allein reicht nicht – ein Flexibilitätswerk schon

Kleine Liegenschaften und Behind-the-Meter-Anlagen brauchen heute mehr als eine reine Marktplattform. Sie benötigen:

  •        lokale Optimierung
  •        saubere Prognosen
  •        intelligente Datenverarbeitung
  •        flexible Steuerung
  •        einfache Poolverwaltung

Das Flexibilitätswerk vereint diese EMS-Funktionalitäten mit den klassischen Stärken eines Virtuellen Kraftwerks – und macht damit auch komplexe kleine Anlagen „marktfähig“. Es ist die nächste Evolutionsstufe des VPPs.